Fragetypen

geschrieben von  Alexander Raulfs
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    Bei einem standardisierten Fragebogen unterscheidet man zwischen drei verschiedenen Typen an Fragen: geschlossene, halboffene und offene Fragen. Bei geschlossenen Fragen kann der Proband nur aus den vorgegebenen, definierten Antwortmöglichkeiten auswählen, und zwar sich entweder für genau eine (Einfachnennung) oder mindestens eine Antwort (Mehrfachnennungen) entscheiden. Bei einer Frage mit mehrfach zulässigen Antwortangaben muss in der Regel zumindest eine Alternative ausgewählt werden, aber der Befragte kann auch mehrere bestimmen, wobei vom Forscher auch eine genaue Anzahl, z.B. genau drei Nennungen, als Pflichtantwort definiert werden kann. Es ist sinnvoll, bei jeder Frage entsprechende Hinweise für den Befragten aufzuführen, wie z.B. „Mehrfachnennungen möglich“. Bei Online-Umfragen wird der unterschiedliche Fragetypen auch optisch wahrnehmbar, indem eine Einfachnennung per Radio-Button (runde Felder) und mögliche Mehrfachnennungen durch Checkboxen (eckige Felder) im Fragebogen angezeigt werden. Der Befragte kann somit bereits durch das Gestaltungslayout erkennen, welche Aufgabe pro Frage erfüllt werden soll.
    Geschlossene Frage

    Der Vorteil von geschlossenen Fragen liegt sowohl in der einfacheren Beantwortungsmöglichkeit für den Probanden als auch in der leichteren Datenauswertung der Frage. Ferner bieten die vorgegebenen Antwortoptionen dem Befragten einen inhaltlichen Rahmen, wie die Frage zu verstehen ist, so dass beim Probanden seltener Missverständnisse bezüglich der erwartenden Antworten auftreten. Geschlossene Fragen bedürfen der größeren Sorgfalt bei der Ausarbeitung der Antwortvorgaben durch den Forscher, denn werden für die Frage wesentliche Kategorien vergessen, kann der Befragte keine für ihn zutreffende Antwort geben, und die Frage wird verweigert oder falsch bzw. beliebig beantwortet. Eine bewusst falsche oder beliebige Antwort ist aber bei der Datenauswertung nicht als solche zu erkennen, und diese unqualifizierte Antwort mangels ausreichender Antwortoptionen geht als gleichwertige Angabe in die Datenanalyse ein, was für die Datenqualität der Studie schlimmer als eine Verweigerung des Probanden ist. In diesem Punkt zeigt sich auch eine grundsätzliche Problematik der computergestützten Befragung, die heute zumeist mit Pflichtangaben zu jeder Frage programmiert wird. So ist ein Auslassen der Frage nicht möglich, ohne einen Gesamtabbruch der Umfrage zu provozieren. Aus diesem Grund bietet man häufiger auch ausweichende Antwortoptionen zur Frage an, wie z.B. „weiß nicht“, „keines von diesen“ oder „anderes“. Dem Forscher ist dann eine legitimierte Verweigerung der Antwort lieber als eine erzwungene Falschangabe durch den Probanden. Grundsätzlich ist jede geschlossene Frage nur so gut, wie dessen Antwortkategorien vollständig das Thema zur Frage umfassen und die Realität abbilden.

    Halboffene Fragen

    Um dem Vergessen einer relevanten Antwortkategorie entgegenzuwirken, scheinen häufiger halboffene Fragen eingesetzt zu werden. Diese Frageform besteht aus einer an sich geschlossenen Frage, die um eine offene Angabe als Antwortoption ergänzt wird. Trifft für den Probanden keine der vorgegebenen Antworten zu, erhält derjenige die Möglichkeit, eine freie Textangabe in ein offenes Feld zu tätigen. Bei Fragen mit möglichen Mehrfachnennungen kann der Proband zumeist auch mindestens eine vorgegebene Antwort auswählen, und ergänzend eine offene Angabe vornehmen. Bei Fragen mit Einfachnennung darf diese Angabe nur alternativ gewählt werden. Häufig soll in diesem Fall die vorgegebene Antwortoption „Sonstiges“ oder „Anderes“ durch den Befragten näher beschrieben werden, beispielsweise mit dem Hinweis „Bitte geben Sie an, was Sie mit Sonstiges meinen“. Diese alternative Antwortoption sollte am Ende der Kategorienliste aufgeführt werden, um sie dem Probanden tatsächlich auch als „letzte Option“ anzubieten.
    Halboffene und offene Frage

    Eine halboffene Frage eignet sich meiner Meinung gut, wenn alle allgemein feststehenden und bekannten Kategorien durch die geschlossene Frage abgedeckt werden, und weniger Bestimmbare aufgrund von sehr geringen Reichweiten durch die offene Option ergänzt werden sollen. Zum Beispiel zur Nutzung von Fernsehsendern via Satellit sollte man nicht alle mehr als 100 existierenden deutschsprachigen Programme aufführen, sondern nur die Bekanntesten mit einem Mindestmaß an Reichweite vorgeben, aber die Übrigen mit dieser offenen Antwortkategorie erfassen.

    Aber halboffene Fragen präventiv aus Bedenken beispielsweise gegenüber der Vollständigkeit an Kategorien zu wählen, ist wegen ihren Nachteilen keine sinnvolle Entscheidung. Sollte man als Forscher tatsächlich eine Kategorie vergessen haben, dann erhält man zwar einen Hinweis darüber, aber dessen statistische Verteilung ist nicht signifikant. Denn die Verteilung von offenen Angaben bei halboffenen Fragen ist fast immer niedriger als wenn diese Teil der vorgegebenen Kategorienliste gewesen wären. Die Befragten neigen nämlich häufig dazu, bevor sie diese offene Option wählen, sich lieber zu einer der bestehenden Antwortmöglichkeiten zu zwingen, sollte eine vorgegebene Antwort zwar weniger aber noch akzeptabel zutreffend für die Person sein. Ferner fällt die Formulierung der eigenen Meinung als offene Nennung den Befragten schwerer als man denken mag.
    Bei meinen Datenanalysen hat sich eine statistische Auswertung dieser offenen Angaben zu einer geschlossenen Frage selten als sinnvoll herausgestellt, eben wenn sie präventiv ohne forscherische Intention eingesetzt wurde. In jedem Fall stelle ich deren Häufigkeitsverteilung nicht im Vergleich zu den anderen, vorgegebenen Kategorien dar. Leider musste ich auch immer wieder erkennen, dass diese offene Option offensichtlich verwirrend auf den Befragten wirkt. Denn die Qualität speziell dieser Antwortangaben ist zumeist niedrig, manchmal sogar ohne inhaltlichen Bezug zur Frage, weil anscheinend einzelne Befragte sich gezwungen sehen, etwas zu äußern, nur weil die Möglichkeit dazu besteht.

    Offene Fragen

    Um persönliche, detaillierte und qualitative Antworten vom Probanden zu erhalten, bieten sich offene Fragen innerhalb einer standardisierten Befragung an. Offene Fragen stellen aber eine höhere Anforderung an die kognitiven Fähigkeiten des Probanden, und deshalb sollten sie im Fragebogen nur sporadisch eingesetzt werden. Der Befragte muss bei offenen Fragen sowohl den inhaltlichen Rahmen der Frage identifizieren, als auch seine Einstellung dazu für sich selbst erörtern und formulieren. Aus diesem Grund sind meiner Erfahrung nach offene Fragen auch nicht besonders beliebt und werden häufiger verweigert. Um den Probanden nicht zu demotivieren, ist daher auch ein Beantwortungszwang von offenen Fragen innerhalb einer Umfrage nicht zu empfehlen.
    Offene Fragen sollten eingesetzt werden, wenn sie der Recherche neuer Themen und Aussagen zur Umfrage dienen, wo noch keine Erfahrungen beim Forscher vorliegen. Oder wenn die Dimension an möglichen Antworten unbekannt oder zu groß für eine standardisierte Frage ist. Wollen Sie den Befragten auch einmal „zu Wort kommen“ lassen, dann ist der Einsatz von offenen Fragen legitim.

    Gelesen 14138 mal Letzte Änderung am Samstag, 29 August 2015 11:54