Frageformulierung

geschrieben von  Alexander Raulfs
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    Für die Formulierung von Fragen besteht in der Forschung traditionellerweise eine Reihe von Faustregeln (siehe Schnell, Hill & Esser 2011 basierend auf Payne 1951), um ein standardisiertes und unabhängiges Ergebnis mittels der Befragung zu erhalten.
    Ein Fragebogen sollte für jeden Befragten gleichermaßen sowohl hinsichtlich der Fragen als auch der Antwortvorgaben verständlich sein. Aus diesem Grund sollte man nur einfache und uneindeutige Worte wählen. Also ohne die Verwendung von nicht allgemein bekannten Fachausdrücken und Fremdworten auskommen, sowie keine Abkürzungen und auch keine Umgangssprache oder Slangausdrücke nutzen. Ferner wird auch von doppelten Negationen und Verneinung innerhalb der Frageformulierung abgeraten. Wenn der Befragte die Frage wegen der Wortwahl nicht verstehen kann, dann ist von ihm auch keine adäquate Antwort auf die Frage zu erwarten. Es gilt hier den kleinsten gemeinsamen Nenner zu wählen, so dass auch weniger gebildete Personen den Fragebogen verstehen können. In der Praxis ist es manchmal leichter gesagt als getan, denn Personen definieren beispielsweise einfache Gefühlszustände sehr unterschiedlich.

    Ferner sollten Fragen konkret gestellt werden, daher darf die Ausführung auch nicht zu allgemein beschreibend ausfallen, wobei entsprechend abstrakte Begriffe (wie z.B. „diese Sache“, „in etwa“) vermieden werden sollten. Die Regeln der deutschen Sprache müssen eingehalten werden, und die Fragen sollte eher kurz formuliert werden, um für die Befragten verständlich zu bleiben. Zu lange und komplexe Satzstrukturen können den Probanden verwirren. Auch aufwendige Erklärungen zur Frage schaden eher, weil sie entweder gar nicht erst gelesen werden, oder eine zu hohe kognitive Herausforderung für den Befragten darstellen. Überfordern Sie Ihre Befragten nicht, in dem Sie zu aufwendige Aufgaben stellen. Trotzdem müssen Sie vielleicht unklare, aber für die Frage notwendige Begriffe für den Befragten definieren.
    Schlechtes Beispiel für eine Frage

    Generell sollten Fragen neutral und eindeutig formuliert werden, also einen klaren Bezug zu dem darzustellenden Sachverhalt in der Frage herstellen. Neutral bedeutet keine bereits bewerteten Formulierungen oder belastete Wörter zu verwenden, wie z.B. „unglaubwürdige Politiker“, denn damit beeinflussen Sie den Probanden hinsichtlich seines Antwortverhaltens. Eindeutig sollte der Bezug der Frage hinsichtlich Zeit und Gegenstand sein, also auch keine doppelten Stimuli in einer Frage verwenden. Eine Frage, wie z.B. „wie bewerten Sie die Politik und Wirtschaft in Deutschland?“, muss getrennt und zeitlich konkreter formuliert werden („wie bewerten Sie die Politik in Deutschland in den letzten 12 Monaten?“). Eine Mehrdimensionalität der Frage gilt es unbedingt zu vermeiden, weil sonst während der Datenanalyse nicht erkennbar wird, auf welchen Teil die Antwort des Probanden sich bezieht.

    Soziale Erwünschtheit bei kritischen Fragen

    Ein Fragebogen sollte unabhängig auf das Antwortverhalten des Befragten wirken. Aus diesem Grund müssen Unterstellungen und suggestive Fragen vermieden werden, wie z.B. „haben auch Sie schon …“, „gehören Sie auch zu den wenigen Personen…“. Diskriminieren Sie den Befragten nicht, indem Sie ihn als Minderheit oder unnormal darstellen. Der Befragte wird durch seine Antwort sonst bemüht sein, sich sozial anzupassen und konform der Mehrheit zu antworten. Auch Zitate von Autoritäten und Experten rufen entsprechende Reaktionen beim Probanden hervor, so dass diese sich minderwertiger fühlen könnten, und die Motivation an der weiteren Umfrageteilnahme verlieren. Provozieren Sie niemals bereits aufgrund der Frageformulierung ein vermutetes oder wünschenswertes Ergebnis.
    Es existiert allgemein eine Tendenz zur Abgabe sozial erwünschter Antworten durch den Befragten, d.h. bei kritischen Fragen (z.B. zum Alkoholkonsum) wird der tatsächliche Sachverhalt häufig verschwiegen oder beschönigt, um keine sozialen Konsequenzen befürchten zu müssen, oder um im Interview soziale Anerkennung zu erlangen. Dieses Antwortverhalten zu identifizieren, um eine Verzerrung der Studienergebnisse zu vermeiden, stellt sich als sehr schwierig dar. Es wird angenommen, dass speziell Personen mit geringem Selbstbewusstsein entsprechend den vermuteten Erwartungen antworten. Ich musste ferner feststellen, dass beispielsweise bei Akademikern mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein ebenfalls häufiger soziale Erwünschtheit nachweisbar war, weil zu dem Bild eines erfolgreichen Menschen kein Übermaß an Konsum (z.B. Alkohol oder Essen) akzeptiert ist. Der Einsatz von sogenannten „kritische Fragen“, die dem Befragten unangenehm sind zu beantworten, weil sie ein tabuisiertes Thema (wie Sexualleben, Krankheiten, Drogenkonsum etc.) ansprechen, stellt grundsätzlich ein Problem der Befragung dar. Daher sollten kritische Fragen auch eher an das Ende eines Fragebogens gestellt werden, aber trotzdem muss man mit Falschangaben oder einer Verweigerung der Antwort rechnen. Aus diesem Grund eignet sich für solche Befragungsthemen auch die Durchführung einer Online-Umfrage, wo dem Probanden eine höhere Anonymität suggeriert wird. Denn kein Interviewer beeinflusst die Aussagen des Probanden allein durch seine Anwesenheit, da der Befragte seine Angaben allein vor dem Computer tätigen kann.
    Suggestivfrage und unausgeglichene Skala

    Hypothetische und fiktive Fragen

    Es wird ferner empfohlen keine hypothetischen Fragen zu stellen, wie z.B. „stellen Sie sich vor …“ oder „angenommen Sie hätten gestern …“, weil sich nicht jeder gleichermaßen in eine ihm unbekannte Situationen hineinversetzen kann, und das Antwortverhalten primär von der Phantasie des Befragten und dessen Fähigkeit zum abstrakten Denkens abhängt. Ich persönlich finde diesen Ansatz aber legitim, insoweit die hypothetische Situation vom Probanden bereits in der Vergangenheit erfahren worden ist. Ich versetze beispielsweise kaufentscheidende Computeranwender gern in die Situation „Wenn Sie heute einen Computer kaufen würden …“, aber ich würde niemals fragen „Wenn Sie heute 6 Richtige im Lotto gewinnen würden …“. Weil jeder kaufentscheidende Computeranwender über die eigene Erfahrung zu einem Computerkauf verfügt, aber kaum jemand bereits einen Lottogewinn erlebt hat. Bei dieser Art der hypothetischen Frage ist für mich die situative Anwendung von Erfahrungen relevant, und nicht die Fähigkeit des abstrakten Denkens seitens des Befragten.

    Zur Kontrolle des Antwortverhaltens der Befragten werden manchmal fiktive Fragen, die keine real existierende Situation abbilden, im Fragebogen aufgenommen. Zum Beispiel wird bei einer Liste an möglichen bekannten Markennamen eine nicht existente Marke mit aufgeführt. Nun lässt sich aber beobachten, dass diese gar nicht existente Marke einigen Personen bekannt ist, und jene sogar eher unzufrieden mit deren Angeboten sind. Die Ursache liegt aber nicht in einer mangelnden Aufmerksamkeit der Befragten, sondern sie gehen grundsätzlich davon aus, dass eine Umfrage Sinn ergibt, und auch alle darin enthaltenden Fragen. Also geht der Proband von der Existenz dieser Marke aus, und um nicht seine Unkenntnis zu zeigen, wird diese Marke auch als bekannt markiert. Bei der Nachfrage zur Zufriedenheit mit dieser Marke kann die Person keine Angaben tätigen, aber deren Angebote können kaum vorteilhaft sein, sonst hätte man als Befragter bereits davon gehört.
    Meiner Meinung nach muss das Antwortverhalten dieser Personen nicht auch zwingend für die restliche Umfrage angezweifelt werden, nur weil bei dieser Frage Wissen vorgetäuscht wurde. Denn mit dieser Art der Fragestellung wurde ein solches Verhalten provoziert, weil der Proband nun eben an die Sinnhaftigkeit der Frage glaubt, und die Reaktion in der Natur des Menschen - genauso wie z.B. die soziale Erwünschtheit - liegen kann. Ich persönlich empfehle Ihnen nicht nur solche fiktiven Fragen zu vermeiden, sondern ich warne Sie sogar vor deren Einsatz. Ich musste in der Praxis immer wieder erfahren, dass Auftraggeber eine ganze Studie grundsätzlich in Frage gestellt haben, weil 5% der Befragten angaben, etwas zu kennen oder sogar zu nutzen, das noch gar nicht existierte. Sie könnten sich mit einer einzigen Frage und dessen zweifelhaften Ergebnis Ihre ganze Forschungsarbeit zu Nichte machen. Und leider wird Ihre Arbeit eine Erklärung dieser Diskrepanz mittels der Kognitionspsychologie auch nicht retten.

    Gelesen 5034 mal Letzte Änderung am Samstag, 29 August 2015 11:54
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