Aufbau eines Fragebogens

geschrieben von  Alexander Raulfs
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    Der Aufbau eines Fragebogens sollte immer einer Dramaturgie folgen. Die Fragen sollten nicht ungeordnet und beliebig aneinander gefügt werden, sondern in eine sinnvolle Reihenfolge gestellt werden. Denn diese Fragensuzzession nimmt nachweislich Einfluss auf die Datenqualität einer Befragung. Jeder Fragebogen sollte eine textliche Einleitung, einen Befragungseinstieg und/oder Filter- sowie Rekrutierungsfragen zur Identifikation und Selektion der Zielpersonen, einen Befragungshauptteil mit anschließenden demographischen Fragen zur Person, und als Letztes eine Danksagung an die Teilnehmer beinhalten.
    Sinnvoller Aufbau eines Fragebogens

    Eine Umfragestruktur in Themenblöcken von allgemeinen Verhaltens- und Einstellungsfragen zu vertiefenden Fragestellungen fördert die Auseinandersetzung beim Probanden. Die Logik des Befragungsablaufs sollte dabei für den Probanden nachvollziehbar sein, z.B. sollte der Befragte jeweils erkennen, wenn neue thematische Abschnitte beginnen, um sich entsprechend gedanklich neu einzustellen. Das erleichtert auch die Verständlichkeit der einzelnen Fragen, weil das thematische Umfeld einen inhaltlichen Bezug zur Frage herstellt. Dagegen würde ein permanenter Wechsel der Themen im Fragebogen eine erhöhte Aufmerksamkeit und Konzentration seitens des Probanden erfordern, so dass Fragen missverständlich aufgenommen und beantwortet werden könnten. Ferner nimmt der Befragte seiner Meinung nach ein gewisses Chaos im Fragebogen war, so dass er seine Bemühungen einer konzentrierten Situation zur Befragung aufgibt. Wenn Sie als Forscher nicht einer nachvollziehbaren Logik folgen, warum sollte der Befragte dann diese Mühe auf sich nehmen.

    Nutzen Sie daher textliche Einleitungen als Übergänge zu neuen Themenblöcken, wie z.B. „Nun stellen wir Ihnen einige Fragen zum Thema …“. Bei schriftlichen Befragungen können auch Überschriften mit der Nennung des Themas zu Beginn eines neuen Blocks diese Aufgabe übernehmen.
    Für die Aktivierung der potenziellen Befragten zu einer Umfrageteilnahme ist speziell der Befragungseinstieg inklusive der textlichen Einleitung und den ersten Fragen von großer Bedeutung. Schaffen Sie für die Person zu Beginn der Umfrage eine vertrauliche Kommunikationssituation, die dessen Interesse an der Umfrage weckt, und ihm einen Nutzen verspricht. Gestalten Sie den Einstieg spannend.

    Demographische Fragen, wie z.B. zum Alter, zur Bildung oder zum Familienstand, gehören an das Ende einer Befragung, weil diese Fragen persönlicher Natur sind, und daher eher ungern beantwortet werden. Ferner sind diese Fragen für den Teilnehmenden nicht interessant, so dass die Motivation für die Teilnahme verloren gehen könnte, und somit ein Befragungsabbruch droht. Am Ende des Fragebogens sinkt zudem auch der Widerwille diese persönlichen Fragen zu beantworten, weil der Proband wahrnimmt, dass dies nur noch die abschließenden Fragen sind. Der Proband will die Umfrage nicht umsonst beantwortet haben, nur weil er sich nun zum Schluss verweigert und die Umfrage unvollständig lässt. Mit diesem Prinzip kann man als Forscher auch die Beantwortung von kritischen Fragen bewirken, so dass noch persönlichere Fragen, wie z.B. zu Krankheiten oder zum Sexualleben, grundsätzlich am Ende eines Fragebogens gestellt werden sollten.
    Während einer mündlichen Befragung entsteht ein Vertrauensverhältnis zwischen Befragten und Interviewer, das eine Antwort auf intime Fragen erleichtert. Bei schriftlichen Befragungen „schützt“ den Probanden die von ihm wahrgenommene Anonymität, das sowohl die Antwort während des Ausfüllens kein anderer sieht, als auch online nur ein Computer auf der anderen Seite im Internet ist.

    Die Zusammenstellung und Verteilung der einzelnen Themenblöcke ergibt sich häufig fast automatisch durch die Forschungsfrage und -ziele der Umfrage. Man wird konkrete Fragen beispielsweise zur Bewertung einer speziellen Webseite erst nach allgemeinen Fragen zur Internetnutzung stellen können, denn es muss festgestellt werden, ob die konkrete Webseite überhaupt bekannt ist und auch genutzt wird. Es ergibt sich also aus der Natur der Logik, dass man zumeist von allgemeinen zu konkreten Fragen wechselt. In jedem Fall sollten die wichtigsten Fragen aus Sicht des Forschers nicht zu spät im Fragebogen aufgeführt werden. Gegen Ende kann bereits eine Ermüdung des Befragten eingetreten sein, so dass komplexe Fragestellungen schwieriger aufgenommen und beantwortet werden können.

    Optimale Länge eines Fragebogens

    Meiner Erfahrung nach existiert eine Aufmerksamkeits- und Konzentrationskurve bei den Befragten, die einer „normalverteilten Kurve“ entspricht, d.h. diese steigt zu Beginn der Umfrage an, weist ihren Höhepunkt ungefähr zur Mitte der Umfrage auf, und fällt dann gegen Ende stetig ab. Dieses Phänomen ist natürlich auch von der Länge der Umfrage abhängig, denn ein einstündiges Interview ermüdet den Befragten selbstverständlich früher als eine zehnminütige Umfrage. Eine sehr häufig von meinen Auftraggebern gestellte Frage ist, was eine optimale oder auch maximale Frageanzahl für eine Umfrage wäre, was im Endeffekt auf die mögliche Befragungsdauer in Minuten abzielt. Aus meiner Erfahrung empfiehlt sich in der Regel ein Fragebogen mit nicht mehr als 20 kalkulatorische Fragen zu entwickeln, um keine erhöhte Anzahl an Abbrüchen unter den Teilnehmern zu provozieren. Ich selbst habe ich aber auch längere Umfragen entwickelt, weil ich sonst dem Forschungsziel nicht gerecht geworden wäre. In diesem Fall muss einem als Forscher nur bewusst sein, dass die Datenqualität bei den hinteren Fragen im Fragebogen leiden kann, also die Fragen nicht mehr genau gelesen werden, Fragen missverständlich verstanden werden und deren Beantwortung vom Probanden oberflächlicher vorgenommen wird. Aus diesem Grund lasse ich solche längeren Umfragen für den Teilnehmenden eher „entspannt“ ausklingen, d.h. mit einfacheren Fragen, eindimensionaleren Antwortkategorien und für das Forschungsziel weniger wichtige Fragen.

    Gelesen 7624 mal Letzte Änderung am Samstag, 29 August 2015 12:10
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