Donnerstag, 20 August 2015 14:15

Frageformulierung

Für die Formulierung von Fragen besteht in der Forschung traditionellerweise eine Reihe von Faustregeln (siehe Schnell, Hill & Esser 2011 basierend auf Payne 1951), um ein standardisiertes und unabhängiges Ergebnis mittels der Befragung zu erhalten.
Ein Fragebogen sollte für jeden Befragten gleichermaßen sowohl hinsichtlich der Fragen als auch der Antwortvorgaben verständlich sein. Aus diesem Grund sollte man nur einfache und uneindeutige Worte wählen. Also ohne die Verwendung von nicht allgemein bekannten Fachausdrücken und Fremdworten auskommen, sowie keine Abkürzungen und auch keine Umgangssprache oder Slangausdrücke nutzen. Ferner wird auch von doppelten Negationen und Verneinung innerhalb der Frageformulierung abgeraten. Wenn der Befragte die Frage wegen der Wortwahl nicht verstehen kann, dann ist von ihm auch keine adäquate Antwort auf die Frage zu erwarten. Es gilt hier den kleinsten gemeinsamen Nenner zu wählen, so dass auch weniger gebildete Personen den Fragebogen verstehen können. In der Praxis ist es manchmal leichter gesagt als getan, denn Personen definieren beispielsweise einfache Gefühlszustände sehr unterschiedlich.

Ferner sollten Fragen konkret gestellt werden, daher darf die Ausführung auch nicht zu allgemein beschreibend ausfallen, wobei entsprechend abstrakte Begriffe (wie z.B. „diese Sache“, „in etwa“) vermieden werden sollten. Die Regeln der deutschen Sprache müssen eingehalten werden, und die Fragen sollte eher kurz formuliert werden, um für die Befragten verständlich zu bleiben. Zu lange und komplexe Satzstrukturen können den Probanden verwirren. Auch aufwendige Erklärungen zur Frage schaden eher, weil sie entweder gar nicht erst gelesen werden, oder eine zu hohe kognitive Herausforderung für den Befragten darstellen. Überfordern Sie Ihre Befragten nicht, in dem Sie zu aufwendige Aufgaben stellen. Trotzdem müssen Sie vielleicht unklare, aber für die Frage notwendige Begriffe für den Befragten definieren.
Schlechtes Beispiel für eine Frage

Generell sollten Fragen neutral und eindeutig formuliert werden, also einen klaren Bezug zu dem darzustellenden Sachverhalt in der Frage herstellen. Neutral bedeutet keine bereits bewerteten Formulierungen oder belastete Wörter zu verwenden, wie z.B. „unglaubwürdige Politiker“, denn damit beeinflussen Sie den Probanden hinsichtlich seines Antwortverhaltens. Eindeutig sollte der Bezug der Frage hinsichtlich Zeit und Gegenstand sein, also auch keine doppelten Stimuli in einer Frage verwenden. Eine Frage, wie z.B. „wie bewerten Sie die Politik und Wirtschaft in Deutschland?“, muss getrennt und zeitlich konkreter formuliert werden („wie bewerten Sie die Politik in Deutschland in den letzten 12 Monaten?“). Eine Mehrdimensionalität der Frage gilt es unbedingt zu vermeiden, weil sonst während der Datenanalyse nicht erkennbar wird, auf welchen Teil die Antwort des Probanden sich bezieht.

Soziale Erwünschtheit bei kritischen Fragen

Ein Fragebogen sollte unabhängig auf das Antwortverhalten des Befragten wirken. Aus diesem Grund müssen Unterstellungen und suggestive Fragen vermieden werden, wie z.B. „haben auch Sie schon …“, „gehören Sie auch zu den wenigen Personen…“. Diskriminieren Sie den Befragten nicht, indem Sie ihn als Minderheit oder unnormal darstellen. Der Befragte wird durch seine Antwort sonst bemüht sein, sich sozial anzupassen und konform der Mehrheit zu antworten. Auch Zitate von Autoritäten und Experten rufen entsprechende Reaktionen beim Probanden hervor, so dass diese sich minderwertiger fühlen könnten, und die Motivation an der weiteren Umfrageteilnahme verlieren. Provozieren Sie niemals bereits aufgrund der Frageformulierung ein vermutetes oder wünschenswertes Ergebnis.
Es existiert allgemein eine Tendenz zur Abgabe sozial erwünschter Antworten durch den Befragten, d.h. bei kritischen Fragen (z.B. zum Alkoholkonsum) wird der tatsächliche Sachverhalt häufig verschwiegen oder beschönigt, um keine sozialen Konsequenzen befürchten zu müssen, oder um im Interview soziale Anerkennung zu erlangen. Dieses Antwortverhalten zu identifizieren, um eine Verzerrung der Studienergebnisse zu vermeiden, stellt sich als sehr schwierig dar. Es wird angenommen, dass speziell Personen mit geringem Selbstbewusstsein entsprechend den vermuteten Erwartungen antworten. Ich musste ferner feststellen, dass beispielsweise bei Akademikern mit einem ausgeprägten Selbstbewusstsein ebenfalls häufiger soziale Erwünschtheit nachweisbar war, weil zu dem Bild eines erfolgreichen Menschen kein Übermaß an Konsum (z.B. Alkohol oder Essen) akzeptiert ist. Der Einsatz von sogenannten „kritische Fragen“, die dem Befragten unangenehm sind zu beantworten, weil sie ein tabuisiertes Thema (wie Sexualleben, Krankheiten, Drogenkonsum etc.) ansprechen, stellt grundsätzlich ein Problem der Befragung dar. Daher sollten kritische Fragen auch eher an das Ende eines Fragebogens gestellt werden, aber trotzdem muss man mit Falschangaben oder einer Verweigerung der Antwort rechnen. Aus diesem Grund eignet sich für solche Befragungsthemen auch die Durchführung einer Online-Umfrage, wo dem Probanden eine höhere Anonymität suggeriert wird. Denn kein Interviewer beeinflusst die Aussagen des Probanden allein durch seine Anwesenheit, da der Befragte seine Angaben allein vor dem Computer tätigen kann.
Suggestivfrage und unausgeglichene Skala

Hypothetische und fiktive Fragen

Es wird ferner empfohlen keine hypothetischen Fragen zu stellen, wie z.B. „stellen Sie sich vor …“ oder „angenommen Sie hätten gestern …“, weil sich nicht jeder gleichermaßen in eine ihm unbekannte Situationen hineinversetzen kann, und das Antwortverhalten primär von der Phantasie des Befragten und dessen Fähigkeit zum abstrakten Denkens abhängt. Ich persönlich finde diesen Ansatz aber legitim, insoweit die hypothetische Situation vom Probanden bereits in der Vergangenheit erfahren worden ist. Ich versetze beispielsweise kaufentscheidende Computeranwender gern in die Situation „Wenn Sie heute einen Computer kaufen würden …“, aber ich würde niemals fragen „Wenn Sie heute 6 Richtige im Lotto gewinnen würden …“. Weil jeder kaufentscheidende Computeranwender über die eigene Erfahrung zu einem Computerkauf verfügt, aber kaum jemand bereits einen Lottogewinn erlebt hat. Bei dieser Art der hypothetischen Frage ist für mich die situative Anwendung von Erfahrungen relevant, und nicht die Fähigkeit des abstrakten Denkens seitens des Befragten.

Zur Kontrolle des Antwortverhaltens der Befragten werden manchmal fiktive Fragen, die keine real existierende Situation abbilden, im Fragebogen aufgenommen. Zum Beispiel wird bei einer Liste an möglichen bekannten Markennamen eine nicht existente Marke mit aufgeführt. Nun lässt sich aber beobachten, dass diese gar nicht existente Marke einigen Personen bekannt ist, und jene sogar eher unzufrieden mit deren Angeboten sind. Die Ursache liegt aber nicht in einer mangelnden Aufmerksamkeit der Befragten, sondern sie gehen grundsätzlich davon aus, dass eine Umfrage Sinn ergibt, und auch alle darin enthaltenden Fragen. Also geht der Proband von der Existenz dieser Marke aus, und um nicht seine Unkenntnis zu zeigen, wird diese Marke auch als bekannt markiert. Bei der Nachfrage zur Zufriedenheit mit dieser Marke kann die Person keine Angaben tätigen, aber deren Angebote können kaum vorteilhaft sein, sonst hätte man als Befragter bereits davon gehört.
Meiner Meinung nach muss das Antwortverhalten dieser Personen nicht auch zwingend für die restliche Umfrage angezweifelt werden, nur weil bei dieser Frage Wissen vorgetäuscht wurde. Denn mit dieser Art der Fragestellung wurde ein solches Verhalten provoziert, weil der Proband nun eben an die Sinnhaftigkeit der Frage glaubt, und die Reaktion in der Natur des Menschen - genauso wie z.B. die soziale Erwünschtheit - liegen kann. Ich persönlich empfehle Ihnen nicht nur solche fiktiven Fragen zu vermeiden, sondern ich warne Sie sogar vor deren Einsatz. Ich musste in der Praxis immer wieder erfahren, dass Auftraggeber eine ganze Studie grundsätzlich in Frage gestellt haben, weil 5% der Befragten angaben, etwas zu kennen oder sogar zu nutzen, das noch gar nicht existierte. Sie könnten sich mit einer einzigen Frage und dessen zweifelhaften Ergebnis Ihre ganze Forschungsarbeit zu Nichte machen. Und leider wird Ihre Arbeit eine Erklärung dieser Diskrepanz mittels der Kognitionspsychologie auch nicht retten.

Donnerstag, 20 August 2015 14:13

Fragetypen

Bei einem standardisierten Fragebogen unterscheidet man zwischen drei verschiedenen Typen an Fragen: geschlossene, halboffene und offene Fragen. Bei geschlossenen Fragen kann der Proband nur aus den vorgegebenen, definierten Antwortmöglichkeiten auswählen, und zwar sich entweder für genau eine (Einfachnennung) oder mindestens eine Antwort (Mehrfachnennungen) entscheiden. Bei einer Frage mit mehrfach zulässigen Antwortangaben muss in der Regel zumindest eine Alternative ausgewählt werden, aber der Befragte kann auch mehrere bestimmen, wobei vom Forscher auch eine genaue Anzahl, z.B. genau drei Nennungen, als Pflichtantwort definiert werden kann. Es ist sinnvoll, bei jeder Frage entsprechende Hinweise für den Befragten aufzuführen, wie z.B. „Mehrfachnennungen möglich“. Bei Online-Umfragen wird der unterschiedliche Fragetypen auch optisch wahrnehmbar, indem eine Einfachnennung per Radio-Button (runde Felder) und mögliche Mehrfachnennungen durch Checkboxen (eckige Felder) im Fragebogen angezeigt werden. Der Befragte kann somit bereits durch das Gestaltungslayout erkennen, welche Aufgabe pro Frage erfüllt werden soll.
Geschlossene Frage

Der Vorteil von geschlossenen Fragen liegt sowohl in der einfacheren Beantwortungsmöglichkeit für den Probanden als auch in der leichteren Datenauswertung der Frage. Ferner bieten die vorgegebenen Antwortoptionen dem Befragten einen inhaltlichen Rahmen, wie die Frage zu verstehen ist, so dass beim Probanden seltener Missverständnisse bezüglich der erwartenden Antworten auftreten. Geschlossene Fragen bedürfen der größeren Sorgfalt bei der Ausarbeitung der Antwortvorgaben durch den Forscher, denn werden für die Frage wesentliche Kategorien vergessen, kann der Befragte keine für ihn zutreffende Antwort geben, und die Frage wird verweigert oder falsch bzw. beliebig beantwortet. Eine bewusst falsche oder beliebige Antwort ist aber bei der Datenauswertung nicht als solche zu erkennen, und diese unqualifizierte Antwort mangels ausreichender Antwortoptionen geht als gleichwertige Angabe in die Datenanalyse ein, was für die Datenqualität der Studie schlimmer als eine Verweigerung des Probanden ist. In diesem Punkt zeigt sich auch eine grundsätzliche Problematik der computergestützten Befragung, die heute zumeist mit Pflichtangaben zu jeder Frage programmiert wird. So ist ein Auslassen der Frage nicht möglich, ohne einen Gesamtabbruch der Umfrage zu provozieren. Aus diesem Grund bietet man häufiger auch ausweichende Antwortoptionen zur Frage an, wie z.B. „weiß nicht“, „keines von diesen“ oder „anderes“. Dem Forscher ist dann eine legitimierte Verweigerung der Antwort lieber als eine erzwungene Falschangabe durch den Probanden. Grundsätzlich ist jede geschlossene Frage nur so gut, wie dessen Antwortkategorien vollständig das Thema zur Frage umfassen und die Realität abbilden.

Halboffene Fragen

Um dem Vergessen einer relevanten Antwortkategorie entgegenzuwirken, scheinen häufiger halboffene Fragen eingesetzt zu werden. Diese Frageform besteht aus einer an sich geschlossenen Frage, die um eine offene Angabe als Antwortoption ergänzt wird. Trifft für den Probanden keine der vorgegebenen Antworten zu, erhält derjenige die Möglichkeit, eine freie Textangabe in ein offenes Feld zu tätigen. Bei Fragen mit möglichen Mehrfachnennungen kann der Proband zumeist auch mindestens eine vorgegebene Antwort auswählen, und ergänzend eine offene Angabe vornehmen. Bei Fragen mit Einfachnennung darf diese Angabe nur alternativ gewählt werden. Häufig soll in diesem Fall die vorgegebene Antwortoption „Sonstiges“ oder „Anderes“ durch den Befragten näher beschrieben werden, beispielsweise mit dem Hinweis „Bitte geben Sie an, was Sie mit Sonstiges meinen“. Diese alternative Antwortoption sollte am Ende der Kategorienliste aufgeführt werden, um sie dem Probanden tatsächlich auch als „letzte Option“ anzubieten.
Halboffene und offene Frage

Eine halboffene Frage eignet sich meiner Meinung gut, wenn alle allgemein feststehenden und bekannten Kategorien durch die geschlossene Frage abgedeckt werden, und weniger Bestimmbare aufgrund von sehr geringen Reichweiten durch die offene Option ergänzt werden sollen. Zum Beispiel zur Nutzung von Fernsehsendern via Satellit sollte man nicht alle mehr als 100 existierenden deutschsprachigen Programme aufführen, sondern nur die Bekanntesten mit einem Mindestmaß an Reichweite vorgeben, aber die Übrigen mit dieser offenen Antwortkategorie erfassen.

Aber halboffene Fragen präventiv aus Bedenken beispielsweise gegenüber der Vollständigkeit an Kategorien zu wählen, ist wegen ihren Nachteilen keine sinnvolle Entscheidung. Sollte man als Forscher tatsächlich eine Kategorie vergessen haben, dann erhält man zwar einen Hinweis darüber, aber dessen statistische Verteilung ist nicht signifikant. Denn die Verteilung von offenen Angaben bei halboffenen Fragen ist fast immer niedriger als wenn diese Teil der vorgegebenen Kategorienliste gewesen wären. Die Befragten neigen nämlich häufig dazu, bevor sie diese offene Option wählen, sich lieber zu einer der bestehenden Antwortmöglichkeiten zu zwingen, sollte eine vorgegebene Antwort zwar weniger aber noch akzeptabel zutreffend für die Person sein. Ferner fällt die Formulierung der eigenen Meinung als offene Nennung den Befragten schwerer als man denken mag.
Bei meinen Datenanalysen hat sich eine statistische Auswertung dieser offenen Angaben zu einer geschlossenen Frage selten als sinnvoll herausgestellt, eben wenn sie präventiv ohne forscherische Intention eingesetzt wurde. In jedem Fall stelle ich deren Häufigkeitsverteilung nicht im Vergleich zu den anderen, vorgegebenen Kategorien dar. Leider musste ich auch immer wieder erkennen, dass diese offene Option offensichtlich verwirrend auf den Befragten wirkt. Denn die Qualität speziell dieser Antwortangaben ist zumeist niedrig, manchmal sogar ohne inhaltlichen Bezug zur Frage, weil anscheinend einzelne Befragte sich gezwungen sehen, etwas zu äußern, nur weil die Möglichkeit dazu besteht.

Offene Fragen

Um persönliche, detaillierte und qualitative Antworten vom Probanden zu erhalten, bieten sich offene Fragen innerhalb einer standardisierten Befragung an. Offene Fragen stellen aber eine höhere Anforderung an die kognitiven Fähigkeiten des Probanden, und deshalb sollten sie im Fragebogen nur sporadisch eingesetzt werden. Der Befragte muss bei offenen Fragen sowohl den inhaltlichen Rahmen der Frage identifizieren, als auch seine Einstellung dazu für sich selbst erörtern und formulieren. Aus diesem Grund sind meiner Erfahrung nach offene Fragen auch nicht besonders beliebt und werden häufiger verweigert. Um den Probanden nicht zu demotivieren, ist daher auch ein Beantwortungszwang von offenen Fragen innerhalb einer Umfrage nicht zu empfehlen.
Offene Fragen sollten eingesetzt werden, wenn sie der Recherche neuer Themen und Aussagen zur Umfrage dienen, wo noch keine Erfahrungen beim Forscher vorliegen. Oder wenn die Dimension an möglichen Antworten unbekannt oder zu groß für eine standardisierte Frage ist. Wollen Sie den Befragten auch einmal „zu Wort kommen“ lassen, dann ist der Einsatz von offenen Fragen legitim.